· 

Hochsensibilität - Fluch oder Segen?

Hiermit möchte ich einen kleinen Denkanstoss geben. Folgende Passagen widme ich hochsensiblen Menschen, die sich ihrer hohen Empfindlichkeit bewusst oder eben nicht bewusst sind. Möglicherweise finden Sie sich in der Beschreibung wieder. Ich möchte Sie dazu ermutigen- zu ihrer Stärke zu stehen und sich als Bereicherung für sich und Ihr Umfeld zu sehen!

Vorerst ist es wichtig zu klären, was man unter dem Begriff Hochsensibilität versteht. Dieser Begriff tauchte in den letzten Jahren in psychologischen Kreisen als HSP (Highly sensitive person) immer mehr auf. Doch sind wir nicht alle irgendwie hochsensibel?

Ob man sensibel ist, kann jedermann für sich selbst definieren. Aber Hochsensibilität wird als ein psychologisches und neurophysiologisches Phänomen bezeichnet. Betroffene nehmen Sinnesreize viel eingehender wahr, verarbeiten diese tiefer und reagieren auch dementsprechend stärker darauf als der Bevölkerungsdurchschnitt. Es gibt Ansätze, die das Phänomen der Hochsensibilität erklären: Die Gehirnteile und Neuronenverbünde, welche für die Dämpfung der Erregungspotentiale zuständig sind, seien aus bestimmten (wahrscheinlich genetischen) Gründen weniger stark ausgebildet, so dass die Erregung der Grosshirnrinde deutlich höher ist als bei anderen Individuen. (Vgl. Hirnforschung Uni Aachen, Prof. Willmess-von Hinckeldey)

Der Thalamus funktioniere bei hochsensiblen Menschen anders als bei nicht-hochsensiblen, so dass mehr Reize als "wichtig" eingestuft werden und damit das Bewusstsein erreichen. (vgl. Klages 1991, Benham 2006)

Hochsensibilität ist keine "psychische Störung", sondern lediglich eine Ausprägung, die bei 15 bis 20 % der Bevölkerung auftritt.Unter den hochsensiblen Menschen gibt es natürlich verschiedene Ausprägungen und mir ist es ein grosses Anliegen, Menschen nicht nach Kriterien zu "schubladisieren". Dennoch gibt es einige Kriterien die auf HS-Persönlichkeiten zutreffen. Nicht alle Kriterien müssen auf HSP zutreffen.

  • Hohe Empfindsamkeit gegenüber Stimmungen, Menschen und ihren Befindlichkeiten, Stresslevel, unterdrückten Gefühlen, Sehnsüchten und Bedürfnisse anderer. Überflutung von eigenen und fremden Emotionen. Es kommt vor, dass hochsensible Menschen fremde Gefühle zu eigen machen und eine Abgrenzung nicht vorhanden ist. 
  • Durch die fehlende Abgrenzung wirken hochsensible Menschen schnell überreizt oder auch verwirrt, weil sie die Gefühls- und Informationsflut zunächst nicht ordnen können. Auch Handlungsblockaden können auftreten, da in gewissen Situationen eine angemessene Reaktion auf die Überflutung ausbleibt.
  • Empfindsamkeit gegenüber Nahrungsmittel, die aufputschend oder enthemmend wirken, wie Kaffe, Alkohol, Süssigkeiten und anderen.
  • Höhere Wahrnehmung über die Sinneskanäle- akustisch, visuell, kinästhetisch, gustatorisch, olfaktorisch. Hohe Beeindruckbarkeit bei Farben, Musik usw. Kommen aber dadurch schnell in die Überstimulation. Auch bei den Wahrnehmungskanälen gibt es verschiedene Ausprägungen unter den hochsensiblen Menschen. 
  • HSP können bei Überreizung schwer abschalten und "rädern" gedanklich noch oft bis in die Nacht.
  • Schmale Komfortzone: Sie brauchen ihren Raum, in dem sie sich sicher und wohl fühlen. Jedoch können sie auch keine Reizarmut ertragen und balancieren ausserhalb der Komfortzone zwischen Wohlfühlen und Überstimulation.  
  • Wechselhaftigkeit: Sehnen sie sich nach Gesellschaft, freuen Sie sich darauf. Dann kippt die Stimmung plötzlich, da sie wieder Gefahr laufen überreizt zu werden.
  • Durch die Überstimulation wirken sie konfus auf ihre Umwelt. Als wäre ein Gewitter in ihrem Kopf und eine Konfusion im Herzen. Sie können dann nicht mehr klar denken, reagieren gereizt und ungehalten und sind oft ein Rätsel für sich selbst und ihre Umwelt.
  • Man könnte aus dem Begriff Hochsensibiltät abgeleitet meinen, Hochsensible seien ruhigere, zurückgezogene und zerbrechlichere Menschen. Doch gibt es hier keine einheitlichen Erscheinungsbilder. Es gibt introvertierte, sowie auch extrovertierte HS- Persönlichkeiten. 
  • Langes Nachhallen von Ereignissen. Alles was sie erleben, wirkt ihnen lange nach.  Sie sammeln alles wie ein Speicher und horten es so lange, bis es verarbeitet ist.  Auch Details (zb. Wortwahl in einem Brief) lässt sie noch lange grübeln.
  • Hohe empathische Intelligenz: Nehmen Gefühle und die leisesten Zwischentöne ihrer Umgebung stark wahr. Lesen Mitmenschen anhand von Mimik, Gestik und Stimme. Sie nehmen Rücksicht auf ihre Umwelt und haben ein hohes Einfühlungsvermögen. Dies ist eine grosse Stärke. Doch muss auch hier eine hochsensible Person stark abgrenzen können um sich selbst nicht in fremden Emotionen zu verlieren.
  • Hochsensible Menschen können aber auch schroff auftreten, da sie sich vornherein schon abgrenzen wollen. Können das Gegenüber sehr gut entlarven und spüren Ungereimtheiten sofort. Aus Schutz, weil sie vielleicht wegen ihren Wesenszügen schon früh abgelehnt worden sind oder gar übersehen, kann sich durch viele Enttäuschungen zurückziehen um mit der "harschen und kalten" Welt nicht interagieren zu müssen.
  • Empfindsamkeit gegenüber Druck: zeitlichem, körperlichem und emotionalem. Bei hochsensiblem Kindern konnte ich oft feststellen, dass z.B. die Kleidung auf der Haut stört.
  • Empfindsamkeit gegenüber Leid, Schmerz und Ungerechtigkeit - oftmals spüren HSP den körperlichen oder seelischen Schmerz anderer und versuchen zu helfen.
  • usw.

HSP haben eine einzigartige Persönlichkeit, die positiv ausgelebt, in ganz vielen Bereichen (Soziale Berufe, Musik, Kunst, Psychologie usw.) eine grosse Bereicherung sind. Da wir aber in einer Gesellschaft leben, in der Leistungserwartung und Selbstkontrolle gross geschrieben werden, gehen fein besaitete Seelen schnell unter. Nicht hochsensible Personen verstehen die bunte Innenwelt der HSP oftmals nicht und schreiben HSP negativ behaftete Eigenschaften zu. Sie wären zu schwach, zu sensibel und hätten zu hohe Erwartungen an ihr Umfeld. Aus diesen Einschätzungen kann es im Umfeld eines HSP  an Toleranz gegenüber seiner Persönlichkeit mangeln, so dass sich HSP schon bereits früh verbiegen um angepasst zu leben, doch mit Folgen für die Seele.

 

Doch wer bestimmt überhaupt, welche Charakterzüge und Veranlagungen richtig oder falsch sind? Hat nicht jeder Mensch in seiner Einzigartigkeit das Recht, seine Fähigkeiten und Talente auszuleben ohne gleich verurteilt zu werden? Wer bestimmt die Norm?

Zum Schluss werde ich auf die gestellten Fragen nochmals eingehen. Doch vorerst habe ein paar Tipps zusammengestellt, welche HSP auf ihrem Weg der Selbstakzeptanz unterstützen können.

 

  •  Welche Situationen oder Begebenheiten lösen bei Ihnen eine Überstimulation aus? Wenn die Gefahr einer Überstimulation nicht umgangen werden kann, wie könnten Sie in solchen Situationen mehr Gelassenheit erlangen?  
  • Gönnen Sie sich regelmässige Auszeiten. Durch kurze Pausen können Sie sich gedanklich wieder sortieren und zur Ruhe finden. So sind sie wieder fit und resistent um Anforderungen gerecht zu werden.
  • Äussern Sie Ihre Bedürfnisse. Wenn Sie das Bedürfnis haben sich zurückzuziehen oder sich jetzt mal abgrenzen müssen, äussern Sie dies klar. Durch klare Kommunikation stehen Sie zu Ihren Grenzen und teilen auch Ihrem Umfeld klar mit, was sie jetzt brauchen. Hochsensible Personen erspüren fremde Bedürfnisse sehr schnell. Aber denken Sie daran, dass niemand Gedanken lesen kann.
  • Eigene Grenzen erkennen. HSP neigen dazu, die Bremse zu spät zu ziehen. Sie gehen Gefahr überstimuliert zu werden, aber brauchen paradoxerweise auch eine Stimulation. Horchen Sie in sich hinein und versuchen Sie herauszufinden, in welchen Situationen Ihre Grenzen überschritten werden und wann Sie rechtzeitig einlenken können.
  • Nein zum Umfeld - Ja zu sich selbst! Wie schon erwähnt, erspüren hoch empathische Menschen Gefühle und Bedürfnisse ihres Umfelds sehr schnell. Fremdes Leid kann auch schnell als eigenes Leid angenommen werden. Falls Sie merken, dass Sie sich oft wegen Ihrer aufopfernden Art zu sehr verausgaben, sagen Sie Nein! Ein Ja zu sich selbst, bedeutet noch lange nicht, dass sie Ihr Umfeld vor den Kopf stossen. Nur wenn Sie Verständnis für sich selbst aufbringen, wird Ihr Umfeld auf Ihre Bedürfnisse verständnisvoll reagieren können. Wer Sie nicht versteht, hat möglicherweise Ihre Aufmerksamkeit nicht verdient...?
  • Aufgaben einteilen: Versuchen Sie ein Gleichgewicht zwischen Aktivität und Entspannung herzustellen. Durch eine schnelle Überreizung aufgrund von Stress und Druck, laugen Sie sich immer mehr aus. Ich habe hochsensible Menschen erlebt, die sehr enthusiastisch und mit vollem Elan ihren Alltag bewältigen und ihre Energiereserven unerschöpflich erscheinen. Nach gewisser Zeit und leider ohne rechtzeitig die Bremse gezogen zu haben, folgt nach hohen Aktivitätsphasen eine Zeit der Erschöpfung. Wenn man sich dessen nur schon bewusst wird, hat man viel gewonnen.
  • Probleme sind eigene gedankliche Konstrukte: Da hochsensible Menschen dazu neigen Probleme gedanklich länger zu analysieren, da vieles ungefiltert auf sie einströmt, ist es wert sich folgende Fragen zu stellen. Sind vermeintliche Probleme wirklich Probleme? Haben wir sie gedanklich nicht als solche selbst konstruiert? Versuchen Sie bei der Beantwortung der Fragen sachlich und objektiv zu bleiben. 
  • Ängste begleiten jedermann. HSP haben aufgrund ihrem sensiblem Wesen, Erfahrungen machen dürfen, die sie dazu veranlasst haben, vorsichtig zu handeln um eventuelle schmerzvolle Situationen zu umgehen. Ängste können Blockaden hervorbringen, die sie nicht mehr angemessen handlungsfähig machen. Doch jede neue Erfahrung und jede neue Situation unterscheidet sich von den bisher erlebten. Sind Ängste noch berechtigt oder nur ein Erbe der Vergangenheit? Geben Sie dem Leben eine Chance, es ihnen anders zu beweisen und versuchen Sie ihre Ängste anzugehen. Wenn Sie sich diesen bewusst werden, haben Sie schon einiges geschafft!
  • Suchen Sie sich einen Ausgleich im Alltag, indem Sie ihren Lieblingsbeschäftigungen nachgehen können. HSP neigen dazu, aus einer Überreizung aus sich zurückzuziehen. Doch suchen Sie sich ihre Nische, die sie bewusst in Ihrem Alltag einbauen, nicht nur im Falle einer Überstimulation. Sich in die eigene Welt zurückzuziehen, wo man wieder Energie und Kraft tankt oder auch Geschehenes mithilfe von Aktivitäten verarbeitet, brauchen HSP mehr als normal sensible.
  • Selbstakzeptanz- Sie sind vollkommen, so wie Sie sind. Lernen Sie ihre Persönlichkeit mit all ihren wundervollen Fähigkeiten zu schätzen, anzunehmen und zu lieben. Gehen Sie mit Ihrer zartbesaitenen und doch starken Seele fürsorglich um. In Ihnen stecken so viele Schätze, die für Sie selbst und die Gesellschaft eine grosse Bereicherung sind. Kämpfen Sie nicht mehr gegen sich selbst an. Nehmen Sie sich selbst an die Hand und schreiten Sie selbstbewusst nach vorne!

Steckt hinter der Gesellschaftsfähigkeit nicht eine Wirtschaftsfähigkeit? Allzeit leistungsfähig und emotional resistent zu sein, sind Erwartungen , die kein Mensch gesund durchstehen kann. Ein "Weg-von" dieser Erwartungserfüllung und ein "Hin-zu" eigenen Bedürfnissen würde die Gesellschaft entspannen.  In manchen Bereichen kommt diese offenere Haltung immer mehr zum Tragen, doch in anderen besteht grosser Nachholbedarf.

Nichtsdestotrotz, hat jeder einzelne das Recht, für sich selbst zu entscheiden was richtig und was falsch ist. Jeder kann in seinem Mikrosystem neu definieren, welche Werte und Normen lebenswert sind.

 

Setzen Sie ihre eigenen Massstäbe.

 

 

 

 

Quellen und Literatur (Empfehlung):

Sind Sie hochsensibel? Wie Sie ihre Empfindsamkeit erkenne, verstehen und nutzen. Dr. Elaine N. Aron

Hochsensible Mütter. Brigitte Schorr